Raider heisst jetzt Twix

Bei uns in Soest gab es eine Straße mit sogenannten „Schlichtwohnungen“, die den schönen Namen „Schleppweg“ trug. In dieser gab es auch die Soester Notfallwohneinrichtung für Menschen, die kurzfristig obdachlos geworden waren. Selbst mit Modernisierungen kosten die Wohnungen dort noch unter 4€/m². Auch wenn der Schleppweg nicht sonderlich ansehnlich war und regelmäßig die Feuerwehr oder Polizei ausrücken musste (was in einer bürgerlichen Kleinstadt wie Soest ein Skandal ist), viele der Anwohner fühlten sich dort wohl. Man wohnte günstig, kannte sich, half sich gegenseitig, feierte zusammen. Johann König, gebürtiger Soester, baute, wenn er mal wieder in seiner Heimatstadt auftrat, den Schleppweg gar in sein Programm ein (Auf die Fresse to Go). Für aussenstehende Bürgerliche wirkt so eine Subkultur, wie sie im Schleppweg entstanden ist, vermutlich etwas beängstigend.

Daher musste sie weg. Die Stadt zieht sich aus dem Wohnungsmarkt zurück. Man darf an dieser Stelle daran erinnern, das der Wohnkostenanteil des Hartz IV Bezugs durch die Kommunen getragen werden. Die Stadt würde sich also selbst bezahlen, sofern sie als Wohnträger fungiert. Einer tiefgreifenden Finanzlogik, vermutlich aus dem Hause Bertelsmann, folgend, entschloss man sich aber dagegen und die Häuser wurden geräumt, die Anwohner in umliegende nicht-städtische Quartiere verbracht (die zudem auch noch teurer sind).

Nun musste sich die Stadt natürlich überlegen, was sie mit dem freigewordenen Platz macht. Die grandiose Idee ward geboren: Man baut „Ein Quartier für alle“, denn: Nachbarschaft ist wichtig!

Der geneigte Leser mag sich jetzt denken: „Nanu, bestand denn da nicht schon so eine Nachbarschaft, und hat die denn nicht funktioniert?“ Oh ja! Aber die war den Stadtoberen nunmal nicht genehm, man schämte sich dafür. Nun ist dieses Wohnprojekt also im Bau. Oh, und… der Schleppweg wurde umbenannt in Westfalenweg, vielleicht um diese Peinlichkeit vergessen zu machen.

Disclaimer: Ich kenne einige ehemalige Bewohner des Schleppweges persönlich, welche mir ihre Geschichte bedauernd erzählt haben und sich die alten Zeiten dort zurückwünschen.

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